GOODYEAR - Zwei Wochen in der Wüste Arizonas

Eigentlich war das mit den Blogbeiträgen zu meiner ersten Reise etwas anders geplant, aber da ich in der Wüste kaum bis gar kein Internet zur Verfügung hatte, wurde ich praktisch dazu gezwungen, stattdessen diesen halben Roman zu schreiben. Vielleicht hat der ein oder andere trotzdem Lust zu lesen, was ich in Arizona so erlebt habe. Ich verspreche auch, dass ich das in Edinburgh anders (vermutlich wöchentlich) handhaben werde, damit ihr nicht mit Erlebtem erschlagen werdet. Was soll’s, ich wünsche euch jedenfalls ganz viel Spaß. Auf geht’s!

 

Zwei Wochen Arizona liegen hinter mir und das erste Wort, was mir einfällt, wenn ich an Amerika denke, ist: GROß.

Einfach alles in diesem Land besitzt Übergröße. Das Land selbst, die Straßen, das Essen, das Ungeziefer und … ja, manchmal auch die Menschen. Amerika hat mich in dieser Hinsicht wirklich ganz viele Sachen gelehrt:

1. Betrete nie eine Dusche, ohne sie vorher auf Kakerlaken oder anderweitiges Getier mit ellenlangen Beinen oder Fühlern zu untersuchen. Die können einem nämlich einen ganz schönen Schrecken einjagen und temporäre Schnappatmung verschaffen.

 

2.  Der Verkehr in den USA funktioniert in vielerlei Hinsicht super, Deutschland könnte sich da das ein oder andere Scheibchen abschneiden. Beispielsweise gibt es Carpool Lines, die sich auf den Interstates bzw. Highways immer ganz links befinden. Jaaaa, genau dort, wo in Deutschland bisweilen immer die Raser unterwegs sind. In Amerika dürfen dort nur Autos fahren, in denen mindestens zwei Personen sitzen. Diese Maßnahme soll Fahrgemeinschaften fördern und dafür sorgen, dass weniger Autos auf den Straßen unterwegs sind, um die Umwelt zu schützen. Ihr glaubt gar nicht, wie viele Staus man pünktlich zur Rush Hour auf diese Weise umfahren kann. Außerdem ist es erlaubt, auch bei Rot rechts abzubiegen. Es ist explizit ausgeschildert, wenn dies nicht erlaubt ist. Diese allgemeine Regelung ersetzt sozusagen unseren grünen Abbiegepfeil, ist aber eher die Regel, als Ausnahme. Zudem haben die meisten Straßen mindestens vier Spuren. Na ja, da wären wir dann wieder beim Thema Größe angelangt, denn dort ist für solch breite Straßen ja auch viel mehr Platz. Zumal dort auch einfach viel mehr Menschen leben, weshalb es dort auch viel mehr Autos gibt. Aber auch viele Autos selbst besitzen Übergröße. Hünenartige Trucks sind keine Seltenheit und auch Pick-Ups mit der dezenten Höhe eines Busses kreuzten öfter meinen Weg. Ich schwöre euch, zwischen Reifen und Kotflügel hätten locker mehrere Kleinkinder Platz gefunden. Ich habe mich nicht nur einmal gefragt, wie die Fahrer es schaffen, damit nicht aus der erstbesten Kurve zu fliegen. Da waren eindeutig Künstler am Werk.

 

3. Die Essensmengen. Es gibt nicht nur abartige Kreationen, wie Zuckerwatte mit Traubengeschmack als Snack nach einem deftigen Essen im Steakrestaurant oder Milchshakes, die nach Bacon schmecken, sondern ganz allgemein einfach riesige Portionen. Und Supersize ist meist eben auch superbillig, was das Ganze oftmals an das Mästen einer Weihnachtsgans erinnert. Absolut nicht meine Welt, aber dort ganz normal und auf jeden Fall die ein oder andere Anekdote wert. Aber dazu später mehr.

 

 

 

Was soll ich sagen. Es war mein erstes Mal in Amerika und das war bei Weitem nicht meine einzige Premiere in den letzten zwei Wochen. Viele Tiere habe ich das erste Mal gesehen. Coyoten zum Beispiel oder auch einen Kolibri. Aber ganz ehrlich: Auf die genmutierte Kakerlake als Tierpremiere hätte ich liebend gerne verzichtet. Örgs … Aber wenn man den Leuten Glauben schenkt, wird das nächstes Jahr in Texas noch eine ganz andere Hausnummer. Na ja, mal schauen.

 

Ich bin in Amerika das erste Mal Mustang gefahren, gleichzeitig auch das erste Mal mit einem Cabrio – abenteuerlich und bei 38 Grad wirklich sehr angenehm. Das war schon lange ein Traum und in Amerika wirklich ganz besonders toll. Wir haben damit einen Roadtrip nach L.A. gemacht und sind dort durch Straßen gebummelt und gecruist, die der ein oder andere vielleicht auch aus GTA kennt. Mein Mann fühlte sich jedenfalls das ein oder andere Mal beinahe heimisch. Der Hollywood Boulevard war nicht wirklich spannend, man wurde viel angequatscht und natürlich sofort als Tourist erkannt, was ziemlich nervig war. Aber ich habe Deadpool gesehen, der wohl der Einzige ist, der vorbeifahrenden Autofahrern den Mittelfinger zeigen darf und dafür belächelt anstatt angepöbelt wird. Santa Monica dagegen war sehr schön. So ein weitläufiger Strand mitten in der Stadt hat schon was von einer Fata Morgana. In Santa Monica habe ich auch mein erstes amerikanisches Eis gegessen. Kleiner Tipp am Rande: Bestellt nie zwei Kugeln Eis im Land der Übergröße. Das Ding war so groß wie mein Kopf und man kann auf dem Bild nicht unschwer erkennen, dass ich bei dem Gedanken, das ganze Eis verputzen zu müssen, beinahe augenblicklich Zahnschmerzen bekommen habe. Fazit: War aber sehr lecker!

Im Übrigen habe ich noch eine Fahrpremiere gehabt, denn auch beim Golfcart habe ich meinen Bleifuß erprobt – mal ganz ehrlich, das Ding macht wirklich jeder Schnecke Konkurrenz. Trotzdem kann man damit auch auf zwei Rädern fahren, wenn man schnell genug in die Kurve fährt. Das Gekreische meiner Mitfahrer, die auf den billigen Plätzen hinten saßen, ist immer noch Musik in meinen Ohren. Und nein, ich habe nicht Golf gespielt. Aber ich habe jemanden kennengelernt, der das gerne tut. Und er fährt ganz klischeehaft Porsche. Ebenso wie seine Tochter. Sie wollte eigentlich eine Corvette haben, aber man kann ja nicht alles haben, richtig?

 

Übrigens, für alle, die es noch nicht wissen: mein Mann ist Soldat und ich habe die letzten zwei Wochen in Goodyear verbracht und seine fliegerische Ausbildung begleitet. An dieser Stelle möchte ich einmal betonen, wie unfassbar stolz ich auf ihn bin. Es ist ein harter und sehr langer Weg und man braucht unglaublich viel Kraft und Durchhaltevermögen. Ich habe in meiner Zeit bei der Staffel viele tolle Menschen kennengelernt. Einige werde ich nächstes Jahr in Texas wiedersehen, worauf ich mich schon sehr freue. Dort werden wir fünfzehn Monate leben. Mitten in der Wüste. Soldaten sind zwar oft Kindsköpfe, aber im Herzen gute und vor allem loyale Kerle. Zuverlässigkeit und Kameradschaft – Eigenschaften, die ich in anderen Gesellschaftsgruppen oft vermisse.

 

Zurück zum Golfcart. Jedenfalls sind die Wege auf diesen Stützpunkten meist etwas weiter, daher eben diese Hilfsmittelchen. Wobei man vermutlich schneller mit dem Fahrrad wäre, wenn man mal ehrlich ist. Fahrradwege gibt es übrigens auch in Amerika. Ich habe genau eine Person darauf entdeckt … es war ein deutscher Mitarbeiter von eben diesem Stützpunkt. Nun ja, immerhin.

Eine weitere Premiere war – und das ist wirklich kein Scherz – mein erstes Oktoberfest … und das in Arizona. Die Staffel organisiert das Fest jedes Jahr und alle Einnahmen werden an das ortsansässige Frauenhaus gespendet. Für das Oktoberfest wird extra ein Hangar des Flughafens geräumt, darin Bühne, Tische und Stühle aufgebaut und anschließend großflächig dekoriert. Circa fünfundzwanzig Leute sind für diese wahnwitzige Aktion eingeplant, an der rund zweitausend Gäste teilnehmen und sich die Kante geben. Ich habe noch nie so viele strunzbesoffene Leute auf einem Haufen gesehen. Die Amis lieben unser deutsches Bier, bedenken dabei aber nicht den weitaus höheren Prozentgehalt. Die kennen eben nur das eher lasche Budweiser, von denen man ein halbes Dutzend Dosen trinken kann, ohne auch nur einen leichten Schwips zu bekommen. Na ja, was soll ich sagen. Ich hatte Thekendienst und als Barfrau erlebt man nicht nur die absurdesten Dinge, sondern hört auch von überall her die witzigsten Storys. Wenn ich also nicht gerade damit beschäftigt war, Schnaps zu verkaufen oder Kerle vom Boden hinterm Tresen zu klauben, habe ich mir mit lustigen und teilweise auch verstörenden Begebenheiten das Fest versüßen lassen.

 

Der Abend hielt außerdem einen absoluten Gänsehautmoment bereit. Ich wusste ja schon vorher, dass Amerikaner sehr patriotisch sind und ein hohes Maß an Nationalstolz besitzen, aber die Anmut und Stille bei der Eröffnung des Fests, als jeweils die amerikanische und deutsche Nationalhymne gespielt wurde, löste in mir ein wahrlich ehrfürchtiges Gefühl aus. So richtig mit Hand aufs Herz und so. Das Militär hat in Amerika einen ganz anderen Status als in Deutschland und auch die deutschen Soldaten werden dort mit offenen Armen und herzlichen Worten aufgenommen. Military Discount ist kein verpöntes Gesellschaftsgut, sondern absolut alltäglich und eigentlich selbstverständlich. Und wenn diesen Erlass dann doch mal einzelne Läden oder Gastronomiebetriebe nicht anbieten, gibt es dafür wenigstens ein kostenloses Stück Schokoladenkuchen – womit die Wirtin in unserem Fall einen zehnstöckigen halben Kuchen betitelte, von dem eine Gabel schon mehr als die täglich empfohlene Ration Kalorien innehatte.

Und damit komme ich zu einer letzten Premiere, die ich mit euch teilen möchte, nämlich mein erster Besuch in einem amerikanischen Steakrestaurant. Und dieses war genauso, wie man es sich vorstellt: mit rustikaler aber liebevoller Ausstattung, Bedienung mit Cowboyhüten, Streu auf dem Boden, Live-Musik und einem waschechten Bullen als Maskottchen im Vorgarten. Der hieß Damico und hatte herzlich wenig Interesse an den fleischhungrigen Gästen. Doch anscheinend ist der Schuppen auch bei Werwölfen sehr beliebt, denn an der Wall of Fame fand ich nicht nur George Bush Sr., sondern auch Taylor Lautner als gesichteten und abgelichteten Gast. Besucht habe ich das Restaurant ganz stilecht, mit meinen ersten eigenen Cowboystiefeln, mit denen man in Arizona einfach mal überhaupt nicht auffällt. Und wenn das knüppelharte Leder erst einmal eingelaufen ist und man die Horrorblasen überstanden hat, sind sie sogar richtig bequem.

 

Abschließend möchte ich euch sagen: Amerika ist groß. Vieles ist genauso, wie man es erwartet, aber es ist eben auch vieles ganz anders. Beispielsweise habe ich nicht einen fanatischen Trump-Anhänger gesichtet (eher Leute, die als Trump verkleidet am Straßenrand posiert und diesen verpönt haben) und auch keine einzige Waffe gesehen (ich bin mal gespannt, wie das nächstes Jahr in Texas wird). Aber wirklich jedes zweite Gebäude beherbergte irgendeine Fastfood-Kette, von denen ich mindestens die Hälfte nicht kannte und das Essen ist generell recht teuer – je gesünder, desto kostspieliger. Ich glaube, nach zwei Wochen ist es schwer ein Land auf seine Marotten und Gepflogenheiten zu beurteilen, aber spätestens im nächsten Jahr werde ich ganze fünfzehn Monate Zeit haben, meine Feldforschungen weiter zu verfolgen. Ich bin gespannt, was sich daraus ergibt. Aber ich habe mir sagen lassen, dass man sich auf die Leute einlassen muss. Man sagt doch: Andere Länder, andere Sitten und solange man sich nicht in irgendwelche sinnlosen politischen Debatten verstrickt oder sich anderweitig unbeliebt macht, indem man Gebräuche verpönt, wird man eine schöne Zeit in Amerika verbringen – egal, ob nun zwei Wochen oder eineinhalb Jahre. Ich bin jedenfalls sehr inspiriert und werde bestimmt das ein oder andere Erlebnis in einem meiner Bücher verwenden.

 

In ein paar Tagen fliege ich nach Edinburgh. Ich bin irre gespannt auf Schottland, freue mich auf meine Gastfamilie und hoffe vor allem auf ganz viel Inspiration für mein neues Buchprojekt. Ich werde euch natürlich auch einiges von dieser Reise berichten. Bis dahin wünsche ich euch erst einmal noch einen tollen Restherbst. Lasst es euch gutgehen,

 

eure Emilia

 

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