EDINBURGH: WOCHE 2

Ich melde mich zurück und erzähle euch von meiner zweiten Woche in Edinburgh. Heute Morgen zum Beispiel wurde ich vom russischen Wanderzirkus geweckt, der sich letztendlich als Krankenwagen entpuppte, der die High Street entlanggedüst war (die Sirene klingt im Gegensatz zur ernsten Situation wirklich irre witzig). Belohnt wurde mein Aufstehen in den frühen Morgenstunden mit einem wunderschönen Regenbogen am Horizont, den ich von meinem Zimmer aus bestaunen konnte.

Ich gehe oft und auch gerne am Strand spazieren. Das Wasser gibt mir Kraft für den Tag und inspiriert mich jedes Mal aufs Neue für meine Geschichten. Es ist schließlich kein Zufall, dass die meisten Orte in meinen Büchern in der Nähe vom Wasser liegen. ;)

Gestern bin ich mit András von Portobello in den Nachbarsort Musselburgh gelaufen. Eine Strecke waren ungefähr 4,5km und im Winter ist der Weg toll, da der Strand nicht so überfüllt und touristenüberladen ist. Da trifft man nur den ein oder anderen Hund, deren Besitzer oder ein paar spielende Kinder. Die scheinen ganz schön abgehärtet zu sein, wenn man bedenkt, dass die teilweise mit nichts weiter als Socken an den Füßen im kalten Sand spielen (wohlgemerkt: zu diesem Zeitpunkt trug ich eine Winterjacke, darunter ein Top, ein Langarmshirt und eine Sweatjacke, sowie Fäustlinge und Mütze, um mich vor dem eisigen Wind zu schützen).

Und nach einem kalten klaren Wintertag voller Arbeit und einem Feierabendspaziergang gibt es nichts Feineres, als „pub crawling“. Ich hab jetzt schon einige Pubs in Edinburgh besucht und bin wirklich begeistert. Es gibt so viele verschiedene Biersorten, wählen kann man grob zwischen lager und ale. Ale ist etwas fruchtiger, lager eher herber, was ich persönlich ja lieber mag. Eben Bier, wie wir Deutschen es üblicherweise kennen. Es gibt leichtere Biere, aber auch welche, die etwas heavier daherkommen. Ein Pint hat es ganz schon in sich, finde ich und meine persönliche Grenze für einen Abend liegt bei zwei Pinte, wenn ich am nächsten Tag nicht auch noch aus dem Bett „crawlen“ möchte.

Das Gute ist, dass man auf Wunsch vorher immer ein bisschen Bier probieren kann, bevor man sich einen ganzen Pint auf den Tisch stellt. Das vereinfacht die Auswahl erheblich. Scheut euch da also nicht, die Barkeeper danach zu fragen. Außerdem gibt es in den Pubs selbst unter der Woche immer Livemusik. Da ist echt richtig „krasser Scheiß“ dabei (die einzigen deutschen Wörter, die András beherrscht ;) ).

Diese Woche war ich allerdings auch ein bisschen touristenmäßig unterwegs, zum Beispiel war ich beim Carlton Hill, wo man neben einer atemberaubenden Aussicht unter anderen das Dugald Stewart Monument, das National Monument und das Nelson Monument bestaunen kann, und in der National Art Gallery. Die, die mich kennen, wissen, dass ich mich sehr für Kunst in jeglicher Form interessiere. András hat sich diesbezüglich als super Guide erwiesen und er erzählt mir alles Mögliche über Edinburgh bzw. generell über die schottische Geschichte. Es ist wirklich der Wahnsinn, wie viel er über diese Gegend weiß, obwohl er gebürtig nicht einmal von hier stammt. Dagegen komme ich mir immer etwas erbärmlich vor, da ich ihm nicht wirklich viel über die deutsche Geschichte bzw. mein Heimatdorf erzählen kann. Wir haben im Übrigen auch herausgefunden, dass das nicht einmal Google Street View besitzt, eine Stadt mitten im Regenwald allerdings schon, was irgendwie noch tausend Mal erbärmlicher ist.

In Edinburgh gibt es zwar Google Street View, doch es macht natürlich viel mehr Spaß die Straßen auf eigene Faust zu erkunden. Und hier gibt es wirklich an jeder Ecke etwas Spannendes zu entdecken. Ob irgendwelche skurrilen Läden, versteckte Gassen, historische Gebäude oder interessante Pubs. Auch Straßenkünstler säumen die Straßen, egal ob Gaukler oder Musiker. Vor ein paar Tagen saß ich also auf einer kleinen Mauer und habe eine halbe Stunde das Dudelsackspiel eines Musikers verfolgt und gestern hatte ich spontan eine Schleiereule auf dem Arm. In diesem Moment habe ich mich ehrlich gesagt ein bisschen wie Hermine gefühlt ;) Wer meinen tätowierten Arm mal gesehen hat, kann sich denken, dass ich Vögel generell ganz toll finde und so wie es aussieht, wird eine Schleiereule wohl bald folgen. So schnell kann’s gehen. Trotzdem will ich an dieser Stelle kurz betonen, dass ich diese wunderschönen Tiere viel lieber in Freiheit wissen möchte.

Auf diesem Bild seht ihr übrigens die von András gekochte und von Agnes getaufte „Happy Sunny Spinach Soup“. Ich gehöre jetzt natürlich auch zum healthy Clan und lasse mich gerne mit solchen Gerichten verwöhnen. Bis jetzt gab es wirklich nichts, was András gekocht hat, das mir nicht geschmeckt hat. Ich würde also sagen, dass wir einen ziemlich ähnlichen Geschmack haben. Nun ja, außer was die Zubereitung von Bananenmilchshakes angeht. Als ich ihm erzählt habe, dass ich da Vanilleeis reinmache, hat er empört geschnaubt und seitdem kann ich mir anhören, wie absurd das doch ist. Ist halt nicht gerade healthy ;) Im Gegenzug ziehe ich ihn immer mal wieder damit auf, dass mir sein Essen besser geschmeckt hätte, wenn er eine Kugel Eis darauf gemacht hätte.

Die gemeinsame Zeit mit meinen hosts genieße ich total. Wir unterhalten uns und unternehmen viel, ich bin nicht nur Gast, sondern Teil ihres Lebens. Genauso habe ich mir diese Reise vorgestellt und ich bin dankbar, dass ich sie erleben darf. Es ist unglaublich, wie schnell man sich an Land und Leute gewöhnt. Bin ganz verliebt in die Schotten, auch wenn ich ein paar von ihnen manchmal nicht so ganz verstehen kann. Aber alle sind superfreundlich und was ich am meisten liebe, ist diese Spontanität und Unternehmungslust, die hier irgendwie alle haben. Die Stadt unterstützt diese Ader mit freien Eintritten zu Museen oder Schlössern. Hier besitzt man wirklich ein unglaubliches Talent dafür, den Einwohnern etwas zu bieten. Übrigens muss man hier auch aufpassen, was man sagt. Mir ist einmal herausgerutscht, dass ich in meiner Heimat sehr lange getanzt habe. Ich war am selben Abend noch in einem Salsa-Tanzkurs, da Agnes das unbedingt auch lernen wollte. Da musste ich dann natürlich Gesellschaft leisten. Dabei hatte sie mich am Morgen schon zum Yoga genötigt. Ist halt healthy und total gut für Leute, die viel am Schreibtisch sitzen, sagte sie nur und zog mich auf die Matte. Na gut, dann eben Yoga, dachte ich. Nun kann ich den herabschauenden Hund oder wie die Figur heißt und auch komische Laute und Gesänge von mir geben, während ich vor- und zurückwippe (hektisches Atmen inklusive). Im Übrigen habe ich mir dabei einen Wirbel verrenkt, aber gut …

Nächste Woche habe ich hoffentlich wieder was Schönes zu berichten.  Eigentlich möchte ich gerne noch mal eine Tour in die Highlands machen, mal schauen, ob das so klappt. Das wird sich wohl eher spontan entscheiden. Vier Wochen gehen eben schneller vorbei, als einem lieb ist …

Natürlich bin ich nicht jeden Tag unterwegs, ich arbeite schließlich immer noch die meiste Zeit, aber trotzdem passiert immer noch so viel, dass mich inspiriert und bereichert. Die Charaktere meiner geplanten Fantasy-Reihe sind mir hier näher, als an jedem anderen Ort auf der Welt. Ich spüre ihre Sorgen, ihre Gedanken und jedes einzelne Gefühl, das sie bereit sind mir preiszugeben. Sie entwickeln eine Persönlichkeit, gewinnen Tiefe und auch ich entwickle mich auf dieser fantastischen Reise weiter und fordere mich immer aufs Neue selbst heraus. Im Endeffekt ist die Suche nach dem Selbst gepaart mit dem Leben nämlich die spannendste Reise, die man erleben kann.

 

Miley Cyrus sagte mal: „Life's a climb but the view is great.“ Ich sehe das genauso. Es ist der Hauptgrund, warum ich das Wandern so liebe. Du fluchst, du schwitzt und du schreist … aber wenn du am Gipfel ankommst, fühlst du dich wie ein König. Und ich finde, wenn wir am Ende vor der Himmelspforte stehen und um Einlass bitten, sollten wir das Gefühl haben, dass wir dieses Leben mit jedem Atemzug genossen haben anstatt zu betrauern, was wir alles nicht gemacht haben.

 

In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Woche voller Überraschungen und Herausforderungen. Bleibt gesund und munter und kommt gut in den ersten Advent,

 

eure Emilia

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