EDINBURGH: WOCHE 3

Los geht’s mit Woche drei in Edinburgh (diesmal mit ziemlich vielen Bildern für euch) und es ist schon wieder so viel passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll…

Langsam merkt man der Stadt den Weihnachtsstress an, es wird voller, bunter, gehetzter. Doch wenn ich ehrlich bin, lass ich mich von so etwas überhaupt nicht anstecken. András und ich haben das Weihnachtschaos stattdessen durch die Linse betrachtet. András hatte nämlich kurzerhand seine Fotoausrüstung eingepackt und so sind wir dann über und um den Weihnachtsmarkt herum geschlendert. Und während ich dann zwischendurch so wartete, bis er mit dem Fotografieren fertig war, musste ich feststellen, dass wirklich viele Leute das aktuelle Geschehen digital einfangen, was ich vorher nie so wirklich wahrgenommen habe. Auf jeder freien Mauer um den Weihnachtsmarkt herum standen kleine und große Stative, teilweise hüllte uns Blitzlichtgewitter ein. Plattformen wie Shutterstock stehen heutzutage hoch im Kurs. Und selbst, wenn die Leute mit dem Knipsen kein Geld verdienen, verbringen die meisten ihre Zeit damit, die Welt um sie herum durch ihre Handykamera festzuhalten, anstatt sie einfach mal zu genießen. Aber das ist eine Sache, die ich wohl nie so ganz verstehen werde.

Der Weihnachtsmarkt in Edinburgh ist jedenfalls ein echter Hingucker und es macht mir einfach Spaß, András beim Arbeiten zuzusehen. Fotografieren hat was Entspannendes, finde ich. Und während ich so wartete, habe ich mich im Übrigen auch gefragt, auf wie vielen Schnappschüssen mein von der Kälte rotwangiges Gesicht nun wohl drauf sein mag, bevor es letztendlich mittels Photoshop gnadenlos aus dem Bild radiert werden wird. Ich scheine nämlich eine erstaunliche Begabung dafür zu besitzen, in den unpassendsten Momenten durchs Bild zu laufen.

Übrigens ist es auf dem Weihnachtsmarkt verboten, ein Stativ mitzubringen. Man darf es zwar zusammengeklappt über der Schulter tragen und generell fotografieren, das Stativ aber nicht aufstellen. Sobald man da also eine Kamera draufschraubt, bekommt man direkt einen auf den Deckel und es gibt allen Ernstes diverse Ordner, die darauf achten, dass man sich auch daran hält. Der Sinn dieser Regel erschließt sich mir nicht ganz, aber gut.

Diese Woche war ich endlich im Edinburgh Castle. Das ganze Schloss ist so atemberaubend schön und es fällt mir nicht schwer zu glauben, dass es die Inspirationsquelle für Hogwarts war. Es thront mitten in Edinburgh auf dem Castle Rock, wacht über die Stadt und hinter jedem Mauerstein steckt eine Geschichte. Lustigerweise war es tatsächlich ein Stein, den ich mit Abstand am interessantesten fand und neben dem die schottischen Kronjuwelen schlicht alt aussahen. Ein sehr netter Angestellter des Schlosses hat mir die Geschichte des Steins erzählt …

Gemeint ist der sagenumwobene Stone of Scone, ein Krönungsstein, auf dem sogar Elisabeth II. gekrönt wurde. Er gilt als eines der wichtigsten Symbole der schottischen Nation und steht vor allem für Verbundenheit der Herrscher mit dem Land und dem Volk. König Eduard I. ließ den Stein um das Jahr 1300 herum nach London bringen, wo er in den Krönungsthron in der Westminster Abbey eingebaut wurde. 1950 stahl eine Gruppe schottischer Studenten – natürlich waren es Studenten - den Stein in einer halsbrecherischen Aktion zurück. Allerdings wurde er dabei in zwei Teile zerbrochen und heimlich repariert. Die Polizei entlarvte die Täter, denn es war schon etwas auffällig, dass eine Gruppe Studenten sich außerhalb des Lehrplans sämtliche Literatur, die es zu dem Stein gab kurz zuvor in der Bibliothek der Universität ausgeliehen hatte und zudem ihren Professor dazu befragt hatten. Die Polizei stellte den Stein sicher und brachte ihn zurück nach London. Erst 1996 wurde der Stein mittels feierlicher Zeremonie nach Edinburgh übergeben und kann seitdem im Castle besichtigt werden. Ich fand das Ganze jedenfalls total spannend. Übrigens darf man den Stein nicht fotografieren, was ich aber nicht wusste (ich schwöre, ich habe kein Schild gesehen) und natürlich wurde ich direkt ermahnt. Die Qualität des Fotos hat daher unter meiner Schreckreaktion sichtbar gelitten. 

 

 

 

 

Natürlich ist die Aussicht vom Schloss über die gesamte Stadt auch nicht zu verachten. Besonders, wenn der Sonnenuntergang in den Startlöchern steht. Den Schuss der One O’Clock Gun habe ich im Übrigen verpasst, aber wenn man bedenkt, dass meine Ohren recht sensibel sind, ist das vielleicht gar nicht so schlecht gewesen. Nebenbei bemerkt: In der Abendaufnahme des Castles hat sich ein Eskimo versteckt. Finde ihn…

Nach dem Schlossbesuch wollten wir noch einen Pub aufsuchen. Aber zuvor legten wir einen Zwischenstopp ein: die Forth Bridge. Nachts ist die natürlich beleuchtet und einfach noch mal viel beeindruckender und schöner, wenn man sie vom nahen Ufer betrachtet. Nun ja, letztendlich ist es auch nur eine Brücke, aber trotzdem verursachte ihr Anblick ein warmes Gefühl in meinem Innern. Der Akku meines Smartphones hat an dem Abend leider versagt, daher habe ich kein schönes Foto, das ich mit euch teilen kann, aber ich bewahre diesen Moment wie einen Schatz in meiner Erinnerung auf. Außerdem hat András mir später eine schöne Nachtaufnahme der Brücke geschenkt, die aktuell zum Rahmen im Studio liegt. Ich muss an dieser Stelle wohl nicht gesondert erwähnen, dass ich an diesem Abend das Bier bezahlt habe, um mich erkenntlich zu zeigen. Wobei es wohl dieses Mal wohl eher ein shandy war, da wir noch Auto fahren mussten. Shandy ist im Übrigen die britische Version von unserem Alster (oder meinetwegen auch Radler).

 

An dieser Stelle möchte ich András übrigens einfach mal danke sagen. Ich weiß, dass du diesen Text lesen wirst, wenn auch in einer schlecht übersetzten Version von Google. :D

Dein sonniges und lebensfrohes Gemüt ist einfach irre ansteckend und die gemeinsame Zeit mit dir hat mich unglaublich bereichert. Das möchte ich echt nicht missen! Danke für deine Geduld in der Küche, wenn du versucht hast, mir die simpelsten Dinge beizubringen. Auch vier Mal … Es war mir eine Ehre, dein student zu sein und ich freue mich schon darauf, dich im Januar wiederzusehen und ungarischen applepie zu backen!

Inzwischen kann er übrigens auch Eichhörnchen fast akzentfrei aussprechen. Er kennt den Unterschied zwischen Eiche und Eichel, weiß, dass besagte Eichhörnchen diese liebend gerne futtern,  weiß aber auch, dass ein ganz bestimmter Teil des männlichen Geschlechts in Deutschland ebenfalls so genannt wird. Das mit DEN Vögeln und DEM Vögeln versuche ich ihm noch schonend zu erklären, denn das hat er beim ersten Mal nicht so ganz verstanden. Was das angeht, haben wir Deutschen ja manchmal auch echt ne Meise. Wenn wir denn schon beim Thema Vögel sind …

Ach ja, und den Weihnachtsmann kennt er wohl jetzt auch, denn ein paar jugendfreie Worte sollte er ja auch beherrschen. Bei dem Wort Geschwindigkeitsbegrenzung hat er allerdings ganz schnell aufgegeben und mich lediglich konsterniert angesehen. Jaja, deutsche Sprache, schwere Sprache ;)

In dieser Woche war ich außerdem in Cramond, einem kleinen Dorf am Rande von Edinburgh, das heute eher als Vorort der schottischen Hauptstadt gilt. Dort gibt es einen urgemütlichen Pub mit einem offenen Kamin (Ich liebe den Winter!), das Cramond Inn, und natürlich auch wieder total leckeres Bier. Der Kaffee Latte zum Aufwärmen danach war aber auch sehr gut. Wir sind vorher nämlich zur Cramond Island gelaufen, weshalb ich etwas durchgefroren war. Der Weg (genannt Drum Sands) ist nur bei Niedrigwasser passierbar und liegt ungefähr 1,6km von der Küste entfernt. Gesäumt wird der Pfad von einer Reihe Betonmasten, die noch aus dem zweiten Weltkrieg stammen und damals als U-Bootsperre errichtet wurden. Es ist also nicht nur ein schöner Spaziergang gewesen, sondern hat gleichzeitig auch mal wieder zum Nachdenken angeregt. Und so nebenbei bemerkt: Wer kann schon sagen, dass er mal zu Fuß zu einer Insel gelaufen ist, ohne nasse Füße zu kriegen? ;)

Ganz entgegen meiner Art war ich in dieser Woche aber auch ein bisschen shoppen, denn bis jetzt hatte ich lediglich zwei Bücher und eine Packung Kekse (shortbread) gekauft. Natürlich hatte ich jetzt nicht vor, Klamotten oder Schuhe zu kaufen, weil ich das grundsätzlich nicht sonderlich spannend finde, aber zumindest ein typisch schottisches Weihnachtsgeschenk für meine Schwester musste her. Leider kann ich euch an dieser Stelle nicht verraten, was es denn geworden ist, da sie diesen Text vermutlich lesen wird, aber ich hoffe, dass sie sich darüber freuen wird. Ansonsten habe ich mir tatsächlich zwei Backformen gegönnt (Jawohl, wenn man nicht kochen oder backen kann, muss man diese Tatsache mit möglichst vielen Utensilien und Gerätschaften für die Küche kompensieren, damit es nicht auffällt) und eine Vinyl Platte von LP. Das war vielleicht ein Akt, dem freundlichen Herrn im Schallplattenladen zu erklären, dass ich mit LP die Sängerin und nicht das Format selbst meine. Glücklicherweise erbarmte sich eine andere Mitarbeiterin und erklärte dem Kerl in fast akzentfreiem Deutsch, was ich meinte. Alice stammt zwar aus Edinburgh, hatte während ihrer Studienzeit allerdings zwei Jahre in Hamburg gelebt. Zuvor hatte sie ein Jahr in Leipzig verbracht, jedoch aus unerfindlichen Gründen Schwierigkeiten gehabt, dort die Leute zu verstehen und war aus diesem Grund in die Hansestadt gezogen. Komisch … ;)

 

Geschneit hat es hier übrigens noch nicht. Es ist zwar kalt und winterlich, aber mit einer dicken Winterjacke, einem Schal und einer Mütze lässt es sich super aushalten. Und ich muss zugeben, dass der Herbst/Winter für mich wesentlich mehr Vielfalt bereithält, als ein touristenüberladener Sommer, denn lange Spaziergänge an der kühlen Luft lassen einen danach die Wärme eines Pubs viel eher wertschätzen. Es ist einfach gemütlicher. So wie überhaupt alles in Großbritannien, wie ich finde. Der Wohnraum ist eher beschränkt, es gibt diese tollen Nischen in jeder Ecke, die zum Bücherregal umfunktioniert werden können (genannt Edinburgh press), gefühlt überall ist Teppichboden (wahlweise sogar an den Wänden) und praktisch alles in den flats ist schief – Wände, Türen, ja sogar die Kühlschranktüren fallen von alleine zu. Aber was soll ich sagen: Ich liebe es einfach!

 

Nächste Woche gibt es vorerst den letzten Bericht aus Edinburgh. Glücklicherweise habe ich es doch noch in die Highlands geschafft. Das und noch einiges mehr werde ich euch dann beim nächsten Mal erzählen. Bis dahin wünsche ich euch eine wundervolle Vorweihnachtszeit. Lasst euch nicht vom Weihnachtsstress anstecken, das lohnt nicht. Genießt die Zeit mit euren Liebsten und bleibt gesund und munter. Das sind nämlich die wertvollsten Dinge, die man nebenbei bemerkt mit keinem Weihnachtsgeld der Welt kaufen kann.

 

Eure Emilia

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